Uwe Rada projektebotschaft der oder

Teaser
DRUCKVERSION Die Botschaft der Oder
Rathaus-Spiele Oderberg 2026

Die Räume der Oder

Die Oder als Zwischenraum
Schwellenzeiten sind Zeiten, in denen das Alte verschwindet, ohne dass das Neue bereits Konturen angenommen hat. In denen man ahnt, dass ein Zustand unhaltbar wird ohne vorhersagen zu können, ob es in Zukunft besser wird. In Schwellenzeiten denkt man nicht so sehr ans Morgen, sondern wünscht sich zurück ins Früher, in dem alles besser war. In Schwellenzeiten wächst der Phantomschmerz.
Vor mehr als 200 Jahren prägte eine solche Schwellenzeit unser Bild von der Natur. Als die dunklen, alten Wälder gerodet waren, entstand das romantische Bild des deutschen Waldes – als utopischer Sehnsuchtsort am Rande einer aufkommenden unromantischen Forstwirtschaft.
Auch die Landschaft der Oder entspringt einer solchen Schwellenzeit. Ihre Hänge sind Endmoränen, die während einer Stillstandsphase des Gletscherrückzugs der Weichseleiszeit entstanden sind. Ihr mächtiges Geschiebe haben die Gletscher auch in Oderberg abgelagert. Die Hänge rechts und links des Oderlaufs sind der Müll der letzten Eiszeit.
Und leben wir nicht heute wieder in einer solchen Schwellenzeit? Das fossile Zeitalter ist zu Ende. Aber welche Botschaft hält die postfossile Zeit für nachfolgende Generationen bereit? Und welchen Müll werden wir der Nachwelt hinterlassen?
Der Blick auf die Oder kann den Blick schärfen. Er ist zwar nur eine Momentaufnahme. Aber er reicht in die Tiefe des Raums und die Unergründlichkeit der Zeit.

Die Oder als politischer Raum
Seit dem massenhaften Fischsterben im August 2022 ist die Oder in aller Munde. Die größte Flusskatastrophe des 21. Jahrhunderts war ein Katalysator für einen neuen ökologischen Blick auf den Fluss. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen seine Verschmutzung und gegen seinen Ausbau. Die Oder ist zu einer politischen Landschaft geworden, deren Zukunft im politischen Raum verhandelt wird.
Und die Oder meldet sich zu Wort. Zahlreiche Initiativen sind seitdem entstanden. Die „Flussschwestern“ (Siostry rzeki) in Polen haben nach der Weichsel auch die Oder entdeckt. Ihre Performances an der Schnittstelle von Tanz, Aktivismus und Ökologie haben der Oder eine neue Bühne verliehen.
Ein breites Bündnis hat ein Gesetz für einen Nationalpark Unteres Odertal erarbeitet, das den Sejm in Warschau passierte (um dann am Veto des Präsidenten zu scheitern). Seitdem wird darüber diskutiert, andere Wege zu finden, um den Schutzstatus der Unteren Oder zu erhöhen.
Ein Netzwerk namens „Osoba Odra“ (Die Oder als Person) treibt die Idee voran, die Oder als Rechtssubjekt anzuerkennen. Im Sejm hat ein Gesetzesentwurf im März 2026 eine wichtige Hürde genommen.
Auch in der Klangkunst hat sich die Oder Gehör geschaffen. In Ratzdorf wurde bereits 2008 eine Odersinfonie komponiert. Michał Zygmunt experimentiert mit ihren Soundscapes, FrauvonDa bringt sie mit OderHive auf die Bühne.
Die Oder als Echoraum
Viele dieser Initiativen kommen aus Polen und zeigen, wie rasant sich dort der Blick auf den Fluss geändert hat. Längst ist die Oder aus dem Fahrwasser einer auf Binnenschifffahrt verengten Debatte getreten. Diskursiv über die Ufer tretend hat sie neue Möglichkeitsräume geschaffen.
Damit hat sich das Sprechen über die Oder verändert. Es ist vielstimmig geworden, bringt ein Grundrauschen hervor, in dem sich der Fluss wiederfinden kann, nachdem er lange zum Schweigen gebracht wurde.
Vielstimmig ist auch der Blick auf die Oder auf der deutschen Seite. Die Botschaft der Oder wird – als Echoraum – diesen Stimmen Gehör verschaffen.
In ihrer Botschaft erhebt die Oder aber auch selbst die Stimme. Jetzt spreche ich. Das ist meine Botschaft? Über Jahrhunderte hinweg wurde nur über die Oder gesprochen, nicht mit ihr. Sie war Objekt, nicht Subjekt.
Der neue Blick auf den Fluss erfordert auch ein neues Hören. Im Echoraum der Botschaft kann es eingeübt werden.
Wenn wir unsere Sinne schärfen, sehen und erleben wir die Oder in einem anderen Licht. Im Oderlicht.

Die Oder als Begegnungsraum
Die Geschichten, von denen die Oder erzählt, sind nicht nur Geschichten des Widerstands gegen Verschmutzung und Ausbau. Am Rande des Gletschers sind auch Begegnungsräume entstanden.
Die Oder war seit dem Mittelalter schon eine Brückenregion zwischen Deutschen und Polen. Das ist sie bis heute geblieben, auch zu Zeiten der Teilung Europas. Als narrativer Raum hat die Oder zum Beispiel Vertrieben aus Deutschland und Polen in den Dialog gebracht. Wer aus Breslau fliehen müsste, verstand oft jene, die nach Breslau fliegen mussten, auch ohne gemeinsame Sprache. Wie andere Flüsse auch, ist die Oder damit ein europäischer Erinnerungsort.
Ein Blick in die Literatur und die Kunst zeigt, dass die Oder immer wieder ganz besondere Botschaften bereit gehalten hat. Die polnische Literatur der Oder war und ist Grenzlandliteratur. Sie betrachtet die deutsche Geschichte nicht als Bürde, sondern als Herausforderung, als Nährboden für neues, multinationales Erzählen.
Ihrer Rolle als politischer Grenze setzte die Oder eine Erzählung als „fließender Raum“ entgegen. Ein solcher Raum erstreckt sich rechts und links ihrer Ufer mit dem Fluss als Zentrum. Von den Hauptstädten betrachtet, ist der Oderraum Peripherie. Von der Oder aus gesehen, befindet er sich mitten in Europa.
Mit und an der Oder werden auch andere Geschichten von Deutschland und Polen erzählt. Die Oder erzählt deutsche und polnischen Alltag nicht von den politischen Zentren, sondern vom Rand her. Das ist ein Perspektivwechsel, der bislang noch viel zu selten eingeübt wurde.
Ihr Naturraum als frei fließender Fluss ist auch nach den preußischen „Eroberungen der Natur“ (Blackbourn) einzigartig. Als wilder Fluss hat die Oder ihren Überlebenswillen bewiesen.

Die Botschaft der Oder

Botschaft im Gespräch
Begegnungsraum ist nicht nur die Oder. Begegnungsraum ist auch die Botschaft der Oder. Am Rande des Gletschers entsteht, mitten in der neuen Schwellenzeit, ein Ort des offenen Austauschs.

Über Oderberg und seine Traumata
Talk mit Kenneth Anders
Wie lebt es sich in einer Stadt, die bereit mit der Trockenlegung des Oderbruchs und der Verkürzung des Oderlaufs abgehängt wurde? Welche weiteren Traumata hat Oderberg erlitten? Woher kann Hilfe kommen?

Über die Literatur der Oder und des Grenzlandes
Talk mit Marta Bąkiewicz
Polnische Literatur an der Oder ist Grenzlandliteratur, ihre Autorinnen und Autoren sind literarische, geografische und historische Grenzhänger. Wie ist es auf der deutschen Seite?

Über die Rolle der Oder in Deutschland und Polen
Talk mit Dagmara Jajeśniak-Quast
Schon im Mittelalter war die Oder eine Brücke zwischen Deutschland und Polen. Welche Brücken wurden seitdem gebaut? Und welche abgerissen?

Über die Oder als Schutzgebiet und Rechtsperson
Talk mit Dirk Treichel
Neben dem deutschen Nationalpark sollte es im Unteren Odertal auch einen polnischen geben. Das hat ein Veto des Präsidenten verhindert. Wie geht es weiter?

Über das tschechische Oderberg
Talk mit Zuzana und Stephan Felsberg
Auch in Tschechien gibt es ein Oderberg, auf tschechisch Bohumín. Was sind die Themen dort, wo die Oder die Grenze zu Polen bildet?

Der Quellenraum
Der Quellenraum ist der sinnliche Raum der Botschaft der Oder. In ihm ist die Oder zu hören, zu sehen, man kann sie mit allen Sinnen erleben.
Was man sieht und hört, erschließt sich nicht von selbst. Man muss sich Zeit nehmen. Sich einlassen. Man muss nachspüren – vielleicht auch der Quelle, die dem Raum den Namen gibt. Wo kommt sie her? Vom Rand des Gletschers? Wo fließt sie hin? In eine Alte Oder, die wieder den Anschluss findet?
Zwei Leitobjekte sind an die Wände projiziert. Einmal eine Kopie des Gemäldes von Daniel Chodowiecki „Herzog Leopold von Braunschweig geht seinem Tod entgegen“. Und dann ein groß gezogenes Foto vom Fischsterben 2022. In einem stirbt ein Mensch durch Oderhand und daneben stirbt die Oder durch Menschenhand.
Soundscapes (angefragt) von Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei/FrauVonDa/Michał Zygmunt/Ilona Weser und anderen
Videos (angefragt) von Osoba Odra/Cecylia Malik und anderen

Der Botschaftsraum
Der Botschaftsraum befindet sich neben dem Quellenraum und ist wie dieser über den Marktplatz erreichbar. Er ist der ehemalige Eingang zum Rathaus.
Und er zeigt sich in neuer Funktion. Dem trägt auch seine Ästhetik eine Rolle. In seiner Nüchternheit ist er ein Kontrast zum sinnlichen Quellenraum.
Gestaltet wird der Botschaftsraum als Raum im Raum, ein White Cube, geschaffen mit weißen Stoff.
Auf dem Stoff findet sich aufgedruckt Zitate aus der Literatur, die davon erzählen, dass die Oder immer Objekt und Subjekt zugleich war.
An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand befindet sich eine Chronik. Sie benennt die Zäsuren, die die Oder und mit ihr Oderberg im Laufe ihrer Geschichte erfahren mussten.
An einem Schreibtisch können Besucherinnen und Besucher der Oder der Oder eine Postkarte mit einem Wunsch schicken. Abgestempelt wird die Karte mit dem Logo „Botschaft der Oder – Ambasada Odry“
Das Telefon auf dem Schreibtisch stellt eine Verbindung her zu Oderberg in Tschechien, dem Ort nahe der Quelle, an der die Oder entspringt
Auf dem Boden des Botschaftsraums steht ein Kahn auf Sand. Ist die Oder ausgetrocknet? Oder ist es nur eine Sandbank?
Eine Oderbibliothek zum Ausleih findet sich im Café

Der Botschafter
Uwe Rada, geboren 1963, ist Publizist und Oderbiograf. Sein Buch "Die Oder. Lebenslauf eines Flusses" wurde auch ins Polnische übersetzt.
Zusammen mit Stephan Felsberg Initiator der Open-Air Ausstellung zur Oder an der Promenade in Frankfurt (Oder). 
Kuratiert das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung.
Moderator des Panels "Rechte der Natur" beim ersten Nature Writing Festival in Deutschland im Juni Hamburg. 
Bis 2025 Mitglied der Jury im deutsch-polnischen Tadeusz-Mazowiecki-Journalistenpreis



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Uwe RadaDer Quellenraum im Rathaus Oderberg

Rathaus-Spiele 2026. Das Amt am Rande des Gletschers
Vom 6. Juni bis zum 28. Juni 2026 gibt es im und am Rathaus Oderberg die vierte Edition der Rathaus-Spiele – wie jedes Jahr wieder in ganz neuer Art und Form. Über den Monat finden diverse kleinere Kulturangebote, Netzwerktreffen, Umwelterkundungen statt. Im Rathaus eröffnet die Oder selber ihre Botschaft. Und am 6. Juni ein Integrationsbüro, in dem zu einem Theaterparcours historische Hugenotten begrüßt werden. Das dichte Finale auf dem Marktplatz ist am Wochenende 26.-28. Juni
Das geneue Progtamm gibt es Ende April